Ein Rendezvous mit der Liebe!

 


 " Eine andere Ostergeschichte"

von Alexander Dietrich


 

Eine Dame in reiferen Jahren, bereits ergraut, sitzt gerade an ihrem Esstisch, um einige Eier für das bevorstehende Osterfest, zu bemalen. Dies macht sie sehr bedacht und mit künstlerischer Hingabe. Sie ist zwar keine große Kirchgängerin, doch Ostern gehört zu ihrer liebgewordenen Gewohnheit. Übermorgen werden ihre Kinder und Enkelkinder zu Besuch kommen. Denn noch immer finden alle wichtigen Feste bei ihr statt. Trotz ihres fortge-schrittenen Alters, scheut sie keine Arbeit und freut sich jedes Mal sehr über das Zusammensein. Es sind noch einige Vorbereitungen zu erledigen, doch sie hat gelernt, sich bewusst auf eine Sache einzulassen. So erzielt sie die besten Ergebnisse und ist dabei selber erfüllt.

Sie war nicht immer so gelassen und mit sich im reinen, wie das zurzeit der Fall ist. Ihre Kindheit war alles andere als einfach für sie. Die vielen Demütigungen und Übergriffe verursachten so allerlei körperliche und seelische Schmerzen, die sie heute noch in sich trägt. Obwohl sie sich mit einigem versöhnt hat, gibt es immer wieder Augenblicke der Erinnerung, in denen es ihr dem Atem zuschnürt. Doch daran möchte sie jetzt nicht denken und widmet sich weiter dem Bemalen der Eier.

Aus heiterem Himmel, rutscht ihr ein Ei aus der Hand und fällt zu Boden. Das ist sehr merkwürdig, denn ihre Arbeiten verrichtet sie sonst immer mit größter Sorgfalt. Wenn ihr als Kind solche Missgeschicke passierten, wurde sie dafür unbarmherzig bestraft. Ihr Vater konnte seine Wut kaum bremsen und musste jedes Mal von ihrer Mutter, die sich sehr mutig zeigte, gestoppt werden. Nicht selten bekam auch sie in dieser Rangelei etwas ab. Noch während das Ei zu Boden fliegt, fühlt sie wieder diesen stechenden Schmerz in ihrer Brustgegend. Dazu kommt ihre Atemnot, die sie seit den Geschehnissen ihrer Kindheit, mit sich trägt. Auf seltsame Weise, hören die Schmerzen jedoch schnell wieder auf sie zu belasten. Stattdessen läuft jetzt ihr gesamtes Leben, in kurzen Rückblicken, vor ihren Augen ab. Sie spürt die innere Gewissheit, dass nun ihre Zeit hier auf Erden bald abgelaufen ist.

Es trifft sie nicht völlig unerwartet. Wie sagte sie selbst immer wieder: „In meinem Alter muss man darauf vorbereitet sein“. Aber wie soll man sich darauf vorbereiten? Mit ihren Kindern hat sie nie wirklich darüber gesprochen. Gleichaltrige Freunde sah sie selten als hilfreiche Gesprächspartner an. Und ihr Mann, mit dem sie vier Jahrzehnte verheiratet war, ist nun auch schon einige Jahre tot. Sie hatte ein paar Bücher darüber gelesen und doch blieb eine gewisse Angst vor dem Unbekannten, in ihr zurück. Was hatte sie wirklich zu erwarten?

Während sie sich in einem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand befindet, spürt sie, dass nun jeglicher Lebensschmerz von ihr gehen darf. Nichts mehr, was sie weiterhin mit sich herum schleppen muss, um es dann irgendwann weiter zu bearbeiten. Es war nur ein ganz kleiner Augenblick, in dem sie erkannte, wenn ich jetzt loslasse, kann ich wahrhaftig alles zurücklassen. „Ja, da gibt es so vieles, was ich lieber hier lassen möchte, doch was passiert mit den schönen Erinnerungen und meinen Kindern und Enkelkindern“, fragte sie sich? Schnell kam die innere Antwort und sie wusste intuitiv, nichts geht je verloren. Auf einer langen Reise, mit vielen Zwischenstationen, ist natürlich Gepäck erforderlich. In diesem Fall geht es jedoch darum, jeglichen Ballast abzuwerfen, um so freier und leichter reisen zu können. „Nichts geht verloren, ich reinige mich, bevor ich weiter aufbreche, so als ob ich noch ein Bad nehme“, sagte sie zu sich selbst. Und sie erinnerte sich daran, wie sie einmal in einem Vollbad lag, in dem sie vorher Rosenblätter streute. Sofort konnte sie den starken Duft frischer Rosen wahrnehmen und auch das wohlige Gefühl, so schwerelos und rein im Wasser zu liegen. Das kostbare Vollbad hatte einen besonderen Grund. Eines der Treffen mit ihrem damaligen Liebhaber stand wieder bevor. Sie wollte sich dafür besonders schön machen und auch innerlich rein fühlen. Ja, sie war wirklich verliebt und hatte doch nie wirklich daran geglaubt, jemals diese Liebe empfinden zu können und vor allem nicht daran, sie von einem Mann gezeigt zu bekommen.

Als ob nun der Groschen gefallen war, verschwand wieder ihre Erinnerung und Klarheit trat hervor. „Loslassen, dadurch befreie ich meine Seele von Schmerzen und bereite mich so, frei und rein, auf ein neues Rendezvous vor“. „Ich habe eine Verabredung mit der Liebe“, flüsterte sie sanft. Sie nahm noch einen letzten tiefen Atemzug und ihr Körper hörte auf, seine Dienste weiter anzubieten.

Im selben Augenblick hatte sie dieses Gefühl von erfüllter Vertrautheit. Jetzt fühlte sie sich wirklich eins, unbegrenzt und schwerelos. Alles war so hell und strahlend, glanzvoll. Farben schimmerten so facettenreich, wie sie es auf Erden noch nie gesehen hatte. Nichts war abgegrenzt und alleine. Vieles vermischte sich zwanglos, um neue Lichter, Farben und wundervolle Töne hervorzubringen. Ein atemberaubendes Schauspiel, voller endloser Ideen und kindlicher Verspieltheit. Sie war staunend mitten drin, ohne jedoch eine Vorgabe oder ein Ziel erfüllen zu müssen. Einfach nur da sein, mit dabei sein, einfach nur fließendes SEIN.

Jeder der sehen konnte, sah diese außergewöhnliche Farbenpracht, jeder der fühlen konnte, fühlte sich davon magnetisch angezogen und wollte diese reine Energie berühren. Nur einmal behutsam anfassen. Nichts störte, nichts war begrenzt, nichts war falsch, nichts da, was nicht sein sollte. Noch einmal flackerten kurz, einige Erinnerungen auf, noch einmal kam ein Hauch von Schmerzen auf, bis sich schließlich alles löste und vollkommene Erlösung zeigte.

Ein neuer Schritt war getan, im Grunde ganz leicht und selbstverständlich. Weshalb sollte es nicht leicht sein? Das Leben kann wirklich belastend sein, so viel Schmerz, so viel Unverständnis, so viel Ignoranz. Wann ist die passende Zeit, davon loszulassen und wann sind wir bereit, für unser Rendezvous mit der Liebe? Vielleicht schon zu Lebzeiten, Hier und Jetzt, im ganzen Sein, mit Körper, Geist und Seele, erlöst und frei, fallen wir in uns selbst.


In Liebe von Alex

 

Textquelle: Alexander Dietrich
 
www.lichtgaben.de und www.in-balance-sein.de/

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