Vor langer Zeit

 (Atlantis)
 


 

Ich erinn’re mich an eine Zeit

in Lichterglanz und Seligkeit,

an ein geheimnisvolles Leben

von Klarheit und von leichtem Schweben,

an Freundschaft und an Zärtlichkeit.

 

Jedoch bald zogen Wolken auf.

Die Dinge änderten den Lauf:

Man sprach von Aufstieg, Meisterschaft,

Magie und übernatürlicher Kraft.

Bald wurde gedrängelt und geschoben,

denn jeder wollte rasch nach oben,

immer höher, immer weiter –

(sie suchten wohl die Himmelsleiter?)

 

Viele Geliebte sah ich entschwinden,

konnte die Trauer nur schwer verwinden,

fragte mich in tiefem Schmerz:

wo ist bei alldem noch das Herz?

 

Folgen wollt ich ihnen nicht.

So nahm ich denn mein kleines Licht

und traf mir eine andre Wahl:

begann den Abstieg hinunter ins Tal.

 

Ich zog durch Wälder und sengende Wüsten

fuhr über Meere an ferne Küsten,

zerschellte an einem fremden Strand –

Fischer zogen mich an Land.

 

Sie luden mich an ihr Feuer ein,

aßen Gebratenes, tranken Wein,

erzählten Geschichten von Kriegen und Siegen

und ließen mich bei ihren Frauen liegen.

Ich habe mit ihren Kindern gespielt

und dabei wie ein Schwein im Schlamm gewühlt.

Sie gaben mir langsam, Stück für Stück,

verlorene Lebenskraft zurück.

 

Ich hab ihnen Pflanzstock und Hacke gebracht

und gezeigt, wie man Vorräte haltbar macht;

habe Hütten und Häuser erstellt

und erschuf für sie eine neue Welt.

 

Mich mit meiner weißen Haut

haben sie ehrfürchtig angeschaut,

mich fast wie einen Gott verehrt –

(weiß Gott, ich hätt’s ihnen gerne verwehrt!)

Es war ein unbeschwertes Leben,

erfüllt im Nehmen wie im Geben.

 

Da begann eines Abends die Erde zu zittern.

Es donnerte wie von fernen Gewittern,

Blitze zuckten über das Land,

und Wellen schlugen an den Strand.

 

Die kleinen Wilden nahmen’s gelassen,

doch ich, ich konnte es kaum fassen.

Ich wußte: Etwas ist untergegangen,

an dem einmal mein Herz gehangen.

Was einst groß war und durchlichtet,

hat sich selber hingerichtet.

 

Brüder und Schwestern, wo seid ihr geblieben?

Sagt, wohin hat es euch getrieben?

Sagt, was ist mit euch geschehn?

Werden wir uns je wiedersehn?

 

Doch ganz verlorn hab ich euch nicht,

ich hab ja noch das kleine Licht.

Ich werd’ es hüten, mit mir tragen,

bis wir dereinst, in fernen Tagen,

das große Feuer neu entzünden

und eine neue Welt verkünden.

Dann wird erzählt, gelacht, geweint –

nach langer Reise neu vereint!
 

 
 

© 4.2.2005, Jochen W. Engstfeld, Neuss

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