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Hanns, der Bergsteiger
eine
amüsante Geschichte aus dem Leben eines Lichtarbeiters, Hanns war nicht mehr der Jüngste. Er wußte das, und er wußte auch, daß er nicht mehr bis zum Rentenalter warten wollte, um sich seinen Traum zu verwirklichen.
Schon immer hatte die Berge ihn fasziniert, und besonders der eine, der
höchste, hatte es ihm angetan; Tag und Nacht hatte er nur noch einen Traum, einen Gedanken: AUFSTIEG! Alles setzte er daran, um diesen Traum zu verwirklichen. Es schien das einzige zu sein, was seinem Leben noch einen Sinn gab. Er studierte gründlich die Berichte von all denen, die es geschafft hatten, und von denen die gescheitert waren. Er beschaffte sich alle Werkzeuge, die man sich nur denken konnte, Bergsteigerschuhe, Goretex-Kleidung, Eispickel, Seile, Haken – alles nur vom Feinsten. Sein Arbeitgeber hatte dafür kein Verständnis – also kündigte er seinen Job. Seine Frau flehte ihn auf Knien an, diesen Plan aufzugeben und doch mal an die Kinder zu denken – mit einem grimmigen „Was verstehst du schon davon“ stieg er über sie hinweg. So begann er seinen Aufstieg. Es war beschwerlich, schwieriger als geplant. Manches kam ihm unterwegs dazwischen, was seine Freunde, die ihn begleiteten, zur Umkehr veranlaßte, einen nach dem anderen. Er ließ sich aber nicht beirren und kämpfte sich weiter nach oben, Stück für Stück, Stufe um Stufe, zuletzt mutterseelenallein, aber fest entschlossen. Gerade hatte er wieder einen furchtbaren Schnee- und Hagelsturm über sich ergehen lassen, als plötzlich die Wolken aufrissen und er im Licht der Abendsonne den Gipfel über sich sah: Zum Greifen nah! Er konnte den Blick kaum davon lösen, und da machte er einen kleinen, folgenschweren Fehler: Er glitt aus, fiel über die Abbruchkante und konnte sich gerade noch mit seinen Händen an einer vorstehenden Felsnase festhalten – und nun baumelte er über dem Abgrund. „Verdammt!“ zischte er, wütend über sich selbst, und fing an zu überlegen. „Es muß eine Lösung geben!“ dachte er, denn alle, deren Bücher er gelesen hatte, hatten in solchen Situationen eine Lösung gefunden. Aber statt dem Hubschrauber der Bergwacht kam nur eine Krähe angeflogen, setzte sich auf den Felsrand und schaute ihn spöttisch an. „Kannst du mir vielleicht sagen, was ich jetzt tun soll?“ fragte er. „Mann, so kurz vor dem Ziel, und alles hat so super geklappt bis jetzt, das kann doch nicht wahr sein!“ Er schaute die Krähe vorwurfsvoll an. „Und was habe ich alles losgelassen dafür, meinen Job, meine Familie...“ „Losgelassen?“ krächzte die Krähe. „Du hast etwas aufgegeben, dessen du sowieso überdrüssig warst. Das ist doch kein Loslassen.“ „Was ist das denn dann?“ fragte Hanns gereizt. „Wenn du etwas weggibst, um etwas anderes dafür zu bekommen, z.B. deinen Aufstieg, dann ist das ein Tauschhandel, sonst nichts.“ Die Krähe plusterte ihre Federn auf und schüttelte sich. „Wenn du wirklich etwas loslassen willst, dann fang mit dem an, wo du dich am meisten dran festhältst!“ Hanns schaute entgeistert erst auf die Krähe, dann auf seine Hände, deren Knöchel sich bereits weiß verfärbt hatten. „Und mein Aufstieg?“ murmelte er verzweifelt. „Loslassen!“ krächzte die Krähe, schlug mit den Flügeln und flog davon. In diesem Augenblick ließ Hanns, der Bergsteiger, alles los: Seine Hoffnungen, seine Ziele, seine ehrgeizigen Pläne, und die Felsennase, an die er sich geklammert hatte. Er gab es auf, seinem Leben noch irgendeine Richtung geben zu wollen, und wie auf einer gigantischen Rutschbahn sauste er über Schnee und Eis hinunter ins Ungewisse. Die Krähe drehte ihre Runden und schaute der weißen Staubwolke, die Hanns, der Bergsteiger, hinter sich ließ, hinterher. „Es ist doch schon merkwürdig“, sprach sie zu sich selbst, „was manch einer alles auf sich nimmt, nur um sich einmal fallenlassen zu können.“
In den Wirtshäusern im Tal erzählte man sich später, man habe an
diesem Tag von den Bergen her ein schallendes Gelächter vernommen....
Quelle: ©
Jochen W. Engstfeld, Neuss
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