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Von der Sehnsucht
ü b e r die ENT-TÄUSCHUNG zur wirklichen Liebe

ein Bericht von Frank H. Fiess
Seit ungefähr 800 Jahren träumt unsere westliche Kultur den romantischen
Mythos. Dieser besagt, dass wir erst durch einen anderen Menschen
vollständig werden, ganz und glücklich. Frank H. Fiess erkärt hier,
warum ausgerechnet Enttäuschungen eine gute Gelegenheit sind, sich von
dieser Illusion zu befreien und zur wahren Erfüllung zu finden
Überall und tagtäglich begegnet uns dieser romantische Mythos: in der
Werbung, in den Schlagern, in Romanen und Filmen. Wir alle haben ihn mit
der Muttermilch aufgesogen. Unzählige Male haben wir gehört: "You can
make me whole again, now we're together till eternity, you make my life
complete, forever - oooohhh baby!" In unseren deutschen Schlagern hört
sich das ungefähr so an: "Du, und für immer Du. Wir sind zusammen bis in
alle Ewigkeit, seit ich Dich gefunden habe, ist alles gut, sind wir für
immer glücklich - oh yeah!"
Das Symbol für Liebe/Verliebtheit in den westlichen Kulturen ist ein
Herz mit einem Pfeil, der sich durch das Herz bohrt - die Verknüpfung
von Liebe und Schmerz. Robert A. Johnson hat in seinem Buch "She"
hervorragend beschrieben, wie es dazu gekommen ist, dass die romantische
Liebe das letzte verbliebene Energiesystem ist, in dem die Mehrzahl der
westlichen Frauen und Männer Liebe, Ganzheit und die Erfüllung ihrer
Sehnsucht suchen.
Der Traum vom Idealpartner
Seit Tristan und Isolde den Liebestrunk der romantischen Liebe
getrunken haben, träumt unsere Kultur den romantischen Traum. Der
romantische Traum lehrt uns auf viele verschiedene Arten, dass es
einen anderen Menschen gibt - den Idealpartner - der uns "ganz" machen
kann. Jedes Mal, wenn wir uns verlieben, projizieren wir unsere
Sehnsüchte nach Ganzheit, Verbundenheit, Glück und Ekstase auf sie
oder ihn. Unser Partner wird dadurch zu einer überdimensionalen
Traumgestalt. Kein Mensch der Welt kann diesen Projektionen auf Dauer
gerecht werden. Oft sehr schnell, spätestens nach ein bis zwei Jahren
bricht die romantische Projektion zusammen: Der edle Ritter ist eben
nicht immer nur edel, und die Traumfrau ist eben nicht immer
vollkommen.
Ob "Tristan und Isolde", "Romeo und Julia", "Pretty Woman" oder "Sex
and the City" - unsere Kultur bringt den Menschen bei, dass ihre
Ganzheit, ihre Erfüllung, ihr Glück außerhalb von ihnen liegt, nämlich
in dem idealen Mann und der idealen Frau: Mr. and Mrs. Right! Wie
kommt das nur?
Göttliche und menschliche Liebe
Im romantischen Mythos werden zwei große Energiesysteme miteinander
vermischt: zum einen die spirituelle Liebe, die wir nur in uns, mit
Gott, der Göttin, dem großen Geist, der großen Liebe in unserem Innern
erfahren können, und zum anderen die menschliche Liebe, die wir mit
einem Menschen aus Fleisch und Blut leben können. Da die wenigsten
Menschen eine lebendige, authentische und täglich praktizierte
Spiritualität leben, versuchen sie in ihren romantischen
Liebesbeziehungen gleich all das sonst Versäumte zu leben: Intimität,
Ganzheit, Sex, Ekstase, Transzendenz ...
Solange wir den romantischen Traum träumen, gleichen wir dem Mann in
der bekannten Sufi-Geschichte, der in dem hellen Licht einer
Straßenlaterne - unterstützt von vielen gut meinenden Menschen -
verzweifelt etwas sucht. Dabei hat er das, was er sucht, in seinem
Haus verloren, aber dort ist es erst einmal nicht so hell wie hier
unter der Laterne! Es ist Zeit, dass wir wieder nach Hause
zurückkehren und in unserem Innern das Verlorene finden.
Der Moment, in dem die romantische Projektion (wieder einmal)
zerbricht, ist schmerzhaft. Zum x-ten Mal sind wir ent-täuscht. Und
doch bietet gerade dieser Moment eine große Chance: die Chance zur
bewussten menschlichen Liebe. Für die bewusste, menschliche Liebe, die
den Menschen - so wie er ist - in seinem Wesen erkennt und liebt. Die
Liebe, die unseren Partner, unsere Partnerin als fehlbares,
menschliches Geschöpf liebt - mit den Sorgen, Nöten und
Unvollkommenheiten ebenso wie auch mit den liebenswerten, kraftvollen
und bewundernswerten Seiten.
Verantwortung übernehmen
Für viele Menschen wird die sogenannte Midlife-Crisis mit 40-45 Jahren
zu einem ersten In-Frage-stellen ihres bisherigen Lebensmodells. Noch
gravierender wird es mit 50-55 Jahren. Wenn wir bis dahin nicht unsere
Traumvorstellungen abgelegt und innere Arbeit an uns geleistet haben,
kehren die unverarbeiteten Kindheitsverletzungen umso heftiger zurück.
Wir erkennen jetzt ganz klar, dass niemand und nichts außerhalb von
uns die Macht und die Fähigkeit hat, uns dauerhaft zu stabilisieren
und glücklich zu machen.
Das ist der Beginn einer großen Abenteuerreise und des reifen
Erwachsen-Seins. Wir sehen nun ganz klar, dass die romantischen
Seifenblasen keine Substanz haben und die Versuche, im Außen
permanente Liebe und Ganzheit zu finden, zum Scheitern verurteilt
sind. Gleichzeitig hat der Körper nicht mehr soviel Energie, seine
Kraft beginnt zu schwinden. Die ganze Energie, die wir bisher in die
Verdrängung des Ungeheilten in uns aufgewendet haben, kehrt sich gegen
uns.
Spätestens jetzt gibt es kein Ausweichen mehr: Entweder, wir beginnen
leise zu resignieren, zu verbittern und körperlich krank zu werden,
oder wir übernehmen nun zum ersten Mal die volle Verantwortung für
jeden weiteren Tag unseres Lebens - für unsere Gefühle, unsere
Gedanken und unser Wohlbefinden. Deutlich und schonungslos wie nie
zuvor erkennen wir, dass alle unsere Versuche, anderen die Macht über
unsere Gefühle und unser Wohlbefinden zu geben, nur unsere eigene
Unreife und unsere kindlich-romantische Illusion widerspiegeln.

Bei sich selbst ankommen
Das ist die Zeit, in der eine gelebte Spiritualität helfen kann, uns
jeden Tag unseres Lebens neu zu erden, zu zentrieren, zu verwurzeln.
Jeder Moment wird kostbar. Jeder Tag ist ein Geschenk. Das ist die
Zeit, in der wir voll in unserem Körper angekommen sein müssen -
vollständig, mit beiden Beinen auf der Erde und in unserem Alltag! Die
Bereitschaft, für unser Wohlbefinden und unsere Lebensfreude
Verantwortung zu übernehmen, der Fluss des Atems und die stabile
"Ich-bin-Erfahrung" im Körper sind dabei entscheidend.
Wir beginnen vielleicht zum ersten Mal in aller Deutlichkeit zu
erkennen, dass wir unser ganzes Leben lang unsere Grenzen
überschritten haben, um geliebt zu werden und gut da zu stehen in den
Augen der anderen. Wir sehen und fühlen sehr deutlich, wie wir Gefühle
in uns hinein gefressen und hinunter geschluckt haben. Oder als
automatische Reaktion, wenn jemand den entsprechenden Knopf gedrückt
hat, immer wieder unsere Wut, unsere Feindseligkeit und unseren
Jähzorn ausagiert haben. Wir erkennen sehr deutlich, dass das Leid in
unserer Herkunftsfamilie seit vielen Generationen weitergegeben wurde
und wird. Eine fundierte, ganzheitliche Körperpsychotherapie und eine
täglich praktizierte spirituelle Praxis können uns helfen, die Kette
des Leids zu durchbrechen.
Liebe nach außen tragen
Wir beginnen, uns als reife Erwachsene den existenziellen Themen zu
stellen, mit denen jeder Mensch konfrontiert ist: das Allein-Sein, die
Leere, die Stille, die Vergänglichkeit aller Formen, der Tod, die
Liebe und das Mitgefühl für andere Wesen. Unsere Aufmerksamkeit
verlagert sich von außen nach innen, in den Körper, in unser Fühlen.
Die Liebe, die Ganzheit, die Göttin/Gott, unsere wahre Natur, unsere
Essenz erfahren wir in uns selbst als somatisch-körperlicher
Seinszustand. Diese grundlegende Veränderung im Bewusstsein und im
Körper, die fast immer mit erfahrenem Leid, Krankheit oder dem
Zerplatzen von romantischen Illusionen einhergeht, schenkt uns eine
neue Sicht auf das Leben, die Liebe und unsere Mit-Welt. Vorher stand
die Welt auf dem Kopf. Sie schien von außen nach innen zu
funktionieren. Dieser fundamentale Irrtum hat uns viele Schmerzen
bereitet. Jetzt erfahren wir: Die Welt und die Liebe entfalten sich -
wie alles im Universum - von innen nach außen. Wir erkennen nun in
allem, was wir erleben, den Ruf nach Erlösung oder Befreiung, nach
Vergebung, Ganzheit und Liebe.
In unseren Liebesbeziehungen verschwenden wir keine Energie mehr, dem
anderen zu erklären, wo er oder sie nicht richtig ist. Unsere
Aufmerksamkeit verlagert sich von dem kindlichen Bedürfnis geliebt zu
werden zu unserer Fähigkeit, uns selbst zu lieben und von dort aus
andere Menschen zu lieben - von Essenz zu Essenz.
Die göttliche Essenz ist überall
In unserer Sexualität funktioniert nun dieses Benutzen, dieses "sich
die Genitalien des Anderen ausleihen und damit in eine Fantasiewelt
abdriften" nicht mehr. Wirkliche Intimität und Nähe werden wichtig.
Sex wird der gelebte Ausdruck von wirklicher Vereinigung im Herzen,
zwischen Yoni und Lingam, zwischen den Körpern und der Vereinigung im
Bewusstsein - er wird zur "Kommunion".
Die innere gelebte und gefühlte Liebe zu unserem Selbst, zur Göttin,
zu Gott in uns wird zu unserer Heimat, zu unserem innersten Grund, von
dem aus wir leben! Jesus Christus sagte: "Das Himmelreich ist in Dir",
Gautama Buddha nannte es: "Die jedem Menschen innewohnende
Buddha-Natur", - unsere wahre Natur. Alle erleuchteten Frauen und
Männer lehrten und lehren den inneren Weg. Es ist ein grenzenloser
Jubel und inniger Frieden, wenn wir erkennen: In all' unseren
Sehnsüchten, in all' unserem Suchen haben wir immer nur den göttlichen
Geliebten, die göttliche Geliebte in uns gesucht!
Wenn wir diese Liebe erlauben und sie zum Wichtigsten in unserem Leben
werden lassen, erkennen wir die Liebe, die göttliche Essenz überall:
in den Augen eines Menschen auf der Straße, in den Augen eines
Neugeborenen, in den Augen eines Sterbenden. In den Augen unserer
Mutter und unseres Vaters. In jedem Sandkorn, in jedem Grashalm, in
jeder Blume, in jedem Baum. Und ganz sicher in unseren Geliebten! In
allem und allem und allem. Die grundlegende Sehnsucht unseres Lebens
nach der großen Liebe, nach Ganzheit und Einheit, erfüllt sich in
jedem Moment, in dem wir fühlen und zulassen: Ich bin das, was ich
suche!
"Tat twam asi" - "Das bist du".
Textquelle:
Auszug aus conncection,
www.connection.de/cms/content/view/934/181/
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