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Ardonia
- ein Märchen der Liebe -

von Imgaerwen
Es war ein sehr kalter Winter gewesen, in dem Ardonia zur Welt kam.
Ihre Mutter hatte die Geburt nur mit Mühe und Not überlebt.
Ihr Mann war ein armer Bauer und so hatten sie wenig Geld. Ardonia war
nicht sehr hübsch, doch auch nicht hässlich.

Sie war nicht überaus klug
doch auch nicht dumm. Sie konnte nichts außerordentlich gut, doch
beherrschte alles so, dass sie leben konnte.
Als sie zwölf Jahre alt war, fing sie an, einer alten Frau im Dorf zu
helfen. Sie war eine reiche Witwe und im ganzen Dorf als Hexe
verschrien. Ihr Name war Olinga, doch alle nannten sie nur die Hexe.
Olinga war vor vielen Jahren von den Inseln gekommen. Sie hatte einen
wohlhabenden Fürsten geheiratet und als er starb zog sie ins Dorf. Sie
hatte auch Ardonias Mutter bei der Geburt ihrer Tochter geholfen. Man
munkelte, dass sie eine Priesterin der Göttin gewesen sei. Ardonia
arbeitete gerne bei Olinga, denn sie erzählte ihr immer von den Hügeln
ihrer Heimat. Eines Tages erzählte sie Ardonia auch von ihrem früheren
Leben. Das Mädchen erfuhr einiges über die Schwesternschaft, in der die
Alte früher gelebt hatte, und je mehr sie hörte, desto neugieriger wurde
sie. Das Ganze faszinierte Ardonia so sehr, dass sie an den folgenden
Tagen immer wieder fragte, ob es die Schwesternschaft noch gab. Sie
träumte jede Nacht davon, selbst eine Priesterin der Göttin zu sein.
Ihre Eltern hatten davon noch nichts mitbekommen, denn Olinga hatte ihr
verboten, irgendjemandem etwas von der Schwesternschaft auf den Inseln
zu erzählen. Das Verbot weckte Ardonias Interesse nur noch mehr.
Irgendwann sagte Olinga zu ihr: „Wenn es wirklich dein Wunsch ist, die
Mysterien der Göttin zu lernen, so wird Sie dir alles beibringen.
Ich bin zu alt dazu.
Wer weiß, wie lange ich noch lebe, Gehe beim nächsten Vollmond auf einen
Hügel und sei einfach still. Hör in dich, denn sie ist in dir, seit
Anbeginn der Zeit. Sie wird zu dir sprechen, wenn du es willst.“ Am
folgenden Abend ging Ardonia auf den Hügel, an dessen Fuße das Haus
ihrer Eltern lag. Sie setzte sich und atmete tief durch.
Es war gar
nicht leicht, still da zu sitzen. Es war windig, sie fror und hatte den
Kopf voller Bedenken. Sie versuchte ruhig zu atmen und wartete ab.
Irgendwann spürte sie, dass da noch etwas anderes auf diesem Hügel war.
Es war, als würde ihr jemand gegenüber sitzen und sie anstarren. Sie
konzentrierte sich auf dieses Gefühl und tatsächlich verstärkte es sich
immer mehr. Obwohl ihr das ganze nicht geheuer war, stand sie nicht auf
und rannte weg.
Sie blieb still sitzen und hörte zu. Auf einmal spürte sie eine Hand auf
ihrer Schulter. Eine Stimme sagte: „Schön, dich hier zu sehen, meine
Tochter. Ich weiß, weswegen du hier bist. Du wolltest mich und meine
Mysterien kennen lernen und hier bin ich. Und das ist
auch schon das Erste, was du nie vergessen darfst: Wenn du dir etwas
wirklich wünschst und es dich glücklich macht, wird es in Erfüllung
gehen. Manchmal wirst du vielleicht Zweifel haben, warum etwas so
geschieht, wie es geschieht, doch glaube mir, es hat alles seinen Grund
und seinen festen Zeitpunkt. Und am Ende wendet sich alle zum Guten. Das
Einzige was du musst, ist lieben und vertrauen. Merk dir das.“ Und
das war das erste Mal, dass die Göttin sich Ardonia zeigte. Sie erzählte
Olinga von dieser Begegnung und die Alte lächelte nur. Ardonia ging von
nun an immer zu Vollmond auf den Hügel und suchte nach der Göttin. Nicht
jedes Mal erschien sie, doch jedes Mal wenn sie kam, war Ardonia von
Glück und Liebe erfasst. Diese Liebe war es, die sie weiterleben ließ,
nachdem ihre Eltern gestorben waren. Als ihre Mutter sehr krank wurde,
weinte Ardonia fast jede Woche, Sie liebte ihre Mutter und wollte nicht,
dass sie stirbt. Doch sie konnte es nicht verhindern. Als dann wenige
Tage später auch ihr Vater starb, dachte sie, sie würde vor Kummer und
Schmerz vergehen. Sie fühlte, wie das Leid sie auffraß und an ihrem
Herzen nagte. Sie weinte bittere Tränen und Olinga versuchte sie zu
trösten, doch sie hatte nicht die genügende Kraft, Als es immer
schlimmer wurde, bat sie die Göttin, Ardonia zu trösten.
Von dieser Bitte an, erschien die Göttin in Ardonias Träumen, sprach
mit ihr, nahm sie in den Arm und gab ihr Kraft und neuen Lebensmut. Nach
ein paar Wochen ging es Ardonia wieder besser und sie konnte wieder
arbeiten. Die ganze Zeit der Trauer lang hatte Olinga sie versorgt. Sie
behandelte Ardonia wie ihre Tochter. Eines Tages kam ein junger Mann ins
Dorf, der Ardonia sofort gefiel.
Er war ungefähr in ihrem Alter und wohnte von nun an bei Olinga, denn er
war ihr Neffe. Ardonia sah ihn jeden Tag und verliebte sich
in ihn. Er behandelte sie zwar höflich, schenkte ihr aber ansonsten kein
bisschen Beachtung. Sie liebte es, in seiner Nähe zu sein und verfolgte
ihn so den ganzen Tag. Irgendwann machte er sich einen Spaß daraus, sie
mit ihrem Verhalten zu necken. Das verletzte Ardonia sehr, denn er
bedeutete ihr sehr viel. Wie er gab es noch viele, die sie liebte, die
ihr aber kein bisschen Beachtung schenkten.
So zog sie sich immer mehr zurück und ließ nur noch die Göttin und
Olinga an sich.
Die Alte merkte das und erzählte ihr vom Gefährten der Göttin. Er
würde ihr die Liebe geben, die sie bräuchte. Also begann Ardonia den
Gehörnten zu suchen. Die Begegnungen mit ihm offenbarten ihr eine
neue Welt und ihr wurde immer bewusster, was Liebe wirklich bedeutet.
Liebe ist nicht selbstsüchtig. Liebe will geben, nicht nehmen.
Wenn man liebt, ist man vollkommen. Als sie diese bedingungslose Liebe
zu allen Dingen und Wesen erkannt hatte, fühlte sie auch keine Abneigung
gegen die, die sie enttäuscht hatten. Sie konnte wieder mit dem
Neffen der Alten zusammen sitzen ohne ihm nach zu trauern. Sie war
glücklich, auch wenn vieles nicht vollkommen war. Sie arbeitete mit
Liebe und alles gelang ihr. Der Neffe hatte diese Veränderung bemerkt
und sah Ardonia in einem völlig neuen Licht. Er verliebte sich in
Ardonia.
Die beiden wurden ein Paar und trafen sich immer öfter bei den alten
Eichen. Der Junge verstand jedoch nicht, warum Ardonia immer nur in
seinen Armen liegen wollte. Er wollte sie küssen, liebkosen, doch
Ardonia entwandte sich jedesmal seinen Liebkosungen. Eines Tages stellte
er sie zur Rede. Auf seine Frage hin lächelte sie und sagte: „Du musst
verstehen, ich brauche nur deine Nähe um Kraft zu schöpfen, um in diese
kalten Welt zu leben. Ich genieße deine Wärme. Deine Umarmungen geben
mir mehr, als es tausend Küsse könnten. Versteh mich nicht falsch, ich
mag deine Küsse und Liebkosungen, doch im Moment bin ich nicht bereit
dafür. Warte, mein Schatz, Warte.“ Und er wartete, wie sie ihm sagte und
eines Tages küsste sie ihn voller Leidenschaft und er wusste, dass sich
das Warten gelohnt hatte.
So lebten die beide
lange in dem kleinen Dorf, bis sie eines Tages schwer krank wurde.
Niemand konnte ihr helfen und sie starb. Doch bevor sie starb, sagte sie
zu ihm: „Auch wenn ich jetzt nicht mehr da bin, so lebe ich doch in dir
weiter und in jeder Pflanze und jedem Wesen auf dieser Welt. Weine nicht
um mich. Ich bin immer für dich da. Und wenn du einsam und allein bist,
so denk an mich und ich werde da sein. Ich liebe dich.“ Er antwortete:
„Du bist meine Göttin, wenn ich dich brauche, wirst du da sein, das weiß
ich.
Du bist das grösste Wunder, dass mir je begegnet ist.
Du hast mir
die Liebe gezeigt, die alles umfassende und bedingungslose Liebe.Du hast
mich zu einem Menschen gemacht. Wenn du nicht die Göttin bist, wer dann?
Ich liebe dich.“ Das waren die letzten Worte, die sie miteinander
wechselten. Dann schlief sie ruhig ein. Es waren schwere Zeiten für ihn.
Doch er lebte weiter. Jedesmal, wenn er einsam und allein war, besuchte
sie ihn in seinen Träumen und gab ihm Kraft durch eine Umarmung.
Es war ein kalter Winter ,in dem er gestorben ist. Er war nicht sehr
hübsch, doch auch nicht hässlich. Er war nicht überaus klug doch, doch
auch nicht dumm. Er
konnte nichts außerordentlich gut, doch beherrschte er alles so, dass er
leben konnte.
Er war äußerlich nichts Besonderes, doch er konnte lieben,
b e d i n g u n g s l o s
lieben, und das machte ihn zu etwas besonderem.

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