BUCH PREMIERE

Mit Ganesh und Guru per du
 

 

 

In 80 Tagen um die Welt:
Helge Timmerberg folgte der Route aus JulesVernes berühmtem Roman

und berichtet von ungewöhnlichen und abenteuerlichen Begebenheiten unterwegs stets  präzise beobachtet
und humorvoll erzählt.


Auszug aus dem Buch
(aus einer Druckausgabe "mobil 06/08)
Nähere Angaben siehe Fußnote



 

Jules Verne ließ seinen Helden Phileas Fogg mit dem Zug von Bombay nach Kalkutta reisen, und der hat während dieser Fahrt die Frau seines Lebens getroffen, gerettet und mitgenommen. Die Frau des Lebens ist keine schlechte Vision, aber dafür zweiunddreißig Stunden mit dem indischen Zug? Heutzutage kann man auch Stewardessen heiraten. Stewardessen sind überhaupt die besten. Sie sehen gut aus, sind selten zu Hause, und wenn man selber mal fliegen will, kosten die Tickets nur noch zehn Prozent dessen, was man vor der 72 Heirat bezahlt hat, weil ihre Vergünstigungen auch für den Ehemann gelten. Stewardessen verleihen Flügel, Stewardessen sind gut im Bett, Stewardessen bleiben immer nur eine Nacht. 

 

 

Ich bin nach Goa und wieder zurück mit »Kingfisher« geflogen, der Airline von diesem Lebemann. »Fly the Good Times« ist ihr Slogan, und Dr. Vijay Mallya meint das offensichtlich ernst. Seine Stewardessen sind die schärfsten und modernsten, die man in der indischen Passagierluftfahrt finden kann.

 »Jet Air« und »Sahara«  haben ebenfalls nur bildschöne Flugbegleiterinnen, aber die von »Kingfisher«, ich glaube, die sucht der Chef persönlich aus. Die roten Uniformen wirken an ihnen wie Strandbekleidung. Ach, Herr Verne, Sie haben viel verpasst in Ihrem blöden Zug.

»Fly the Good Times« fliegt auch nach Kalkutta, und das ist der Stand am Mittag. Aber auf dem Weg zum Reisebüro bin ich mir schon nicht mehr sicher. Vielleicht verpasse ich ja was in Indien, wenn ich einfach so drüberfliege? Vielleicht verpasse ich Indien?

Unsinn. Ich bin so oft hier gewesen, dass sich Indien glücklich schätzen kann, wenn es mich verpasst. Trotzdem nehme ich, statt ins Reisebüro zu gehen, ein Taxi zum größten Ganesha-Tempel der Stadt. Ganesha ist überall in Indien extrem beliebt, aber in Bombay ist der Gott der Diebe, Dichter und Händler der Gott Nummer eins und offizieller Schutzpatron. Dass er einen Rüssel hat, stört keinen, sie sind bisher blendend mit ihm gefahren. Als Gott der Händler hat er Bombay zum wirtschaftlichen Zentrum Indiens gedeihen lassen, davon profitieren auch die ihm zum Schutz  befohlenen Diebe, und den Dichtern schenkte er Bollywood.

Der Haupt-Ganesha-Tempel Bombays ist deshalb in etwa so groß wie der Hauptbahnhof. In Hunderten von lokalen Untertempeln Tausenden von Nachbarschaftsschreinen und Millionen von Hausaltaren sitzt der Elefantenköpfige in allen Größen, bis runter zur Barbiepuppe, aber hier wohnt der ganze Gott, hier ist Ganeshas Hauptwohnsitz und somit die Höhle des Glücks. Ich bin nicht der Einzige, der zu ihm will. Sind es fünfhundert, sind es tausend, ich kann es schlecht schätzen, ich weiß nicht, wieviele Gläubige sich in Schlangen auf den Eingang des Tempels zubewegen, und ich will auch gar nicht wissen, wie viele Diebe darunter sind. Falls Mathematik in der spirituellen Welt noch etwas zählt, lassen die drei Ämter des Gottes darauf schließen, dass es ziemlich genau ein Drittel ist.
 

Bei uns ist Bauch Schande, hier das Gegenteil.
In Indien bedeutet Bauch Wohlstand,
Reichtum, Sattsein. Auch satt an Erkenntnis.

 

Die Schlangen müssen durch Sicherheitsschleusen, wie am Flughafen. Ist das ein Zeichen? Pro Fliegen? Im Inneren des Tempels werden die Diebe, Dichter und Händler wieder zu Schlangen formiert und in immer enger werdenden Kreisen so lange um den Gott herumgeführt, bis sie seine Füße küssen, Geschenke ablegen und eine Blüte aus Priesterhand mit nach Hause nehmen können. Ich ziehe es vor, ein Stockwerk höher zu sitzen, mir reicht der Blickkontakt. Ganesha sieht gut aus. Kaum zu glauben bei dem Kopf. Auch der Bauch ist eines Elefanten würdig. Bei uns ist Bauch Schande,hier das Gegenteil. In Indien bedeutet Bauch Wohlstand, Reichtum, Sattsein. Auch satt an Erkenntnis. Der schlankeJesus hätte es in Asien schwer gehabt. Buddha ist dick, Ganesha ist dick, und wie bei Buddha sieht Ganeshas Bauch wie eine Weltkugel aus. Und seine Augen? Die eines Freundes, eines Bruders. Ich schließe meine und formuliere die Frage: »Kann ich nach hundertmal Indien noch was verpassen? Ich war im Himalaja, ich war in Goa, ich wusch im Ganges ein paar Sünden ab, ich schlief in den Palästen der Maharadschas, ich traf im Dschungel Tiger. Ich kenne Indiens Heilige, ich kenne Indiens Huren, ich kenne Indiens Lieder. Und die Frage ist: Muss ich das wirklich noch mal haben?« 

Ganesha antwortet wie aus der Pistole geschossen: »Warum gehst du dieses Mal nicht richtig rein?!« Ich weiß sofort, was er meint. Abgesehen davon frage ich mich, ob eigentlich alle Götter mit mir sprechen oder ob es immer derselbe ist. Oder ob ich Selbstgespräche führe. 

Am Abend esse ich im »Leopold«. Das Restaurant ist ein Klassiker. Seit über hundert Jahren ist es der Treffpunkt für Ost und West in der Stadt. Es liegt fünf Minuten vom Gateway of India entfernt und acht Minuten von meinem Hotel und allen anderen Hotels des Stadtviertels Colaba. Deshalb ist das »Leopold« jeden Abend zu voll, um alleinkommenden Gästen einen eigenen Tisch zu geben. Sie werden mit anderen Einzelessern zusammengesetzt. Das kann gutgehen, das kann schiefgehen, aber anders läuft es hier nun mal nicht, und wirklich schief geht's selten, weil das Essen in Ordnung und die Atmosphäre vortrefflich ist. Wenn Reisende aus aller Herren Länder und allen indischen Bundesstaaten mit in Bombay lebenden Ausländern und in Bombay lebenden Indern in einem Raum zusammensitzen, hat jeder etwas zu erzählen, und jeder interessiert sich für etwas. Das erzeugt in der Summe einen Vielklang von Stimmen, der besser ist als jede Hintergrundmusik. Durch die offenen Fenster und die große Eingangstür blinken die bunten Straßenlichter. Die Nacht ist heiß, das Bier ist kühl, die Kellner sind professionell, also lässig und schnell. 

Sie haben mich zu einem Inder gesetzt, der aus der Umgebung von Kalkutta kommt. Er hat Farmen. Er macht in Biosprit. Er ist Anfang vierzig, seriös gekleidet und umfassend informiert. Ob er auch der Meinung ist, dass Indien demnächst zu den ganz großen Playern gehören wird, vielleicht sogar als Champ? Nein, der Meinung ist er nicht. Warum nicht? Er bittet mich um meinen Notizblock und zeichnet die Umrisse des  Subkontinents hinein, gibt ein paar Städte dazu und zieht in der Mitte einen Kreis, einen großen Kreis, gemessen an dem, was drumherum auf der Landkarte übrigbleibt. In den Kreis schreibt er »Area of darkness«. Keiner hat was, keiner macht was, keine Infrastruktur, um was zu machen. Und praktisch gesetzlos. »Wenn Indien ein Wirtschaftsgigant wird, dann einer mit schwachem Herzen. Und solchen Giganten geht schnell die Luft aus.« Mein Gegenüber hat gesprochen. Jetzt bin ich dran. Er will wissen, woher ich komme, wohin ich gehe und wie viel Zeit mir in Bombay bleibt. Ich frage ihn, ob er Jules Verne kennt. Nein, nie gehört. Aber vielleicht hat er den Film »In 80 Tagen um die Welt« gesehen? Ja, hat er, und nun ist er im Bilde. »Ich mache dasselbe. Fast dasselbe. Jules Verne hat seinen Helden Phileas Fogg von Bombay nach Kalkutta mit dem Zug reisen lassen, aber ich würde eigentlich lieber fliegen. Das ist der einzige  Unterschied.«

Der Inder lächelt. »Handelt es sich bei der Vorlage um einen Tatsachenbericht oder um einen Roman?«

»Er hat's erfunden.«

»Dann würde ich Ihnen raten, dasselbe zu machen. Erfinden Sie die Zugfahrt, aber fliegen Sie. Mit indischen Zügen sollte man im wirklichen Leben keine Distanzen überbrücken, auf denen man seinen Stuhlgang nicht zurückhalten kann.«

Auch hier weiß ich sofort, was er meint. Beide, Ganesha und der Geschäftsmann aus Kalkutta, haben recht, und den Gedanken, dass der Geschäftsmann sogar noch ein bisschen mehr recht hat, weil Ganesha als Gott noch niemals auf einer Toilette gewesen ist, verwerfe ich als unernst. Nein, der Tag endet, was die Details meiner Weiterreise angeht, im Patt.

Es ist Wochenende. Reisebüros und Zugschalter haben geschlossen. Ich habe noch ein wenig Zeit, die Entscheidung zu treffen, und lasse die Zutaten des Für und Wider kochen. Das ist nicht ungefährlich für mich. Jeder hat seine Achillesferse, seinen unsicheren Dominostein, seine erste Stufe auf der Treppe zur Unterwelt. Was sind Entscheidungen? Wofür sind sie da? Sie sorgen dafür, dass es weitergeht. Dass der Fluss fließt. Wer anhält, wird zum stehenden Gewässer. Das stinkt irgendwann. Jedenfalls will es mir so scheinen, dass mein Tischnachbar, den ich am nächsten Abend im »Leopold« zugeteilt bekommen habe, mich nicht riechen kann, und für mich ist er der mit Abstand langweiligste Mensch, den ich bisher auf dieser Reise getroffen habe. Ich kann ihm fast nicht ins Gesicht sehen, weil ich fürchte, dass mir nie mehr was einfällt, wenn ich es tue. Also schaue ich nach rechts und nach links, zur Decke und zu Boden und, als das Essen da ist, auf den Teller, aber manchmal muss ich ihn doch ansehen, weil Wegsehen anstrengend und auch ein bisschen unhöflich ist. Es kann ja niemand was dafür. Wie es in der Liebe für jeden auf der Welt einen Menschen gibt, der besser zu ihm passt als jeder andere, so gibt es auch für das fruchtbare Gespräch einen, mit dem das am allerbesten geht, sowie dessen Gegenteil. Ich habe den für mich langweiligsten Menschen der Welt am Tisch, und er hasst Raucher. Solche Menschen fragt man nicht um Rat, es sei denn, man schwört sich, auf jeden Fall das Gegenteil von dem zu tun, was sie raten. Aber besser ist, man fragt gar nicht, isst und geht. Patt also auch am Ende des zweiten Tages.

Am dritten Abend ist das »Leopold « so voll, dass sie mich sogar zu zwei Personen an einen Tisch setzen. Er ist Deutscher, sie ist Inderin, aber in Deutschland aufgewachsen. Er ist Dirigent, Fotograf und Taxifahrer, sie Radiojournalistin. Er hat ein  haraktergesicht, sie auch, aber noch dazu ein schönes. Sie sind auf Hochzeitsreise. Im Gegens.atz zum Vorabend entsteht ein wunderbares Gespräch über meine Probleme, allerdings auch Streit unter ihnen, denn er ist für den Zug, und sie würde fliegen. Fifty-fifty, so ist das Leben.
 

Gu heißt Dunkelheit, Ru heißt Licht, und wenn
ein Guru vom Dunkeln ins Licht führen kann,

hat er auch eine Lösung für mein Problem.

 


Um mich nicht völlig ratlos zu entlassen, empfehlen sie mir einen Guru. Auf den Gedanken wäre ich von selbst nicht gekommen, aber warum eigentlich nicht. Gu heißt Dunkelheit, Ru heißt Licht, und wenn einer von der Dunkelheit ins Licht führen kann, hat er vielleicht auch eine Lösung für mein Problem. Außerdem gefällt mir, was sie über ihn erzählen. Er heißt Ramesh. Und er gehört, obwohl er ein Greis ist, zu den neuen Gurus, zu denen, die gerade erst in Mode kommen. In Bollywood, in Hollywood, in der Hall of Farne. Man sagt, Leonard Cohen sei ein Schüler von ihm. Früher, als Ramesh noch kein Guru war, führte er als Generaldirektor die Bank of India. Das ist eine exzellente Reputation. Schön ist es, einen Erleuchteten zu treffen, noch schöner wird's, wenn der Erleuchtete auch rechnen kann. Jeden Vormittag von neun bis elf stellt er sich in seiner Wohnung den Fragen der Unwissenden. Und am nächsten Morgen bin ich bei ihm. 

Der Guru sitzt in seinem Schaukelstuhl und schaukelt. Er macht das energisch, er gibt richtig Gas. Er ist sechsundachtzig, klein, dünn und zahnlos. Der eingefallene Mund mildert die Strenge seiines Cäsarengesichts. Seine schütteren weißen Haare passen gut zu seiner weißen Baumwollhose und dem überlangen, weißen indischen Hemd. Er schaukelt barfuß. Morgenlicht fällt in den Raum, der angenehm temperiert ist. Durch die offenen Fenster kommt der Wind herein und zirkuliert. Ein frischer, sauberer Wind vom Meer. Man kann es von hier sehen, wenn man am richtigen Fenster steht. Acht Stockwerke unter uns hupen die Straßen von Bombay. Etwa dreißig Leute sind heute beim Guru. Die wenigsten von ihnen sind Inder. ae sitzen auf Stühlen, auf dem Boden, an der Wand. Wer eine Frage hat, setzt sich direkt vor ihn und bekommt ein Mikrofon angesteckt, wie beim Fernsehen. Der Guru trägt auch eins am Hemd. Eine Videokamera läuft. Die CD kann man mitnehmen.

»Wie heißt du?« fragt Ramesh.

»Tim«, sage ich.

»Aha, Tim. Und du kommst aus ... ?«

»Deutschland.«

»Aha, Tim aus Deutschland. Und was kann ich für dich tun, Tim?«

»Ich schreibe Reisebücher.«

»Ich verstehe.«

»Und jetzt bin ich gerade auf einer Weltreise.«

»Ich verstehe.«

»Und mein Problem ist, dass ich mich nicht entscheiden kann, wie es weitergeht. Ob ich mit dem Zug oder mit dem Flieger nach Kalkutta will.«

Ramesh unterbricht abrupt sein Schaukeln und richtet sich ein wenig auf.

»Und warum, Tim, glaubst du, dass ich dir darauf eine Antwort geben kann? Bin ich ein Reisebüro?«

Alle im Raum lachen, den Guru selbst schüttelt es vor Heiterkeit, ich lache auch ein bisschen mit, obwohl mir nicht wirklich danach zumute ist. 

»Nein, Ramesh, es geht im Grunde nicht um Zug oder Flugzeug, es geht nicht darum, wofür ich mich nicht entscheiden kann. Es geht um das Nichtentscheiden-können an sich, als psychologische Fehlfunktion oder als schwacher Charakterzug oder als Geburtsfehler, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nie entscheiden kann. In der Liebe, im Beruf, in allem eigentlich, und das bringt extrem viele Probleme mit sich. Es ist ein Fluch in meinem Leben.«

»Ich verstehe.« Ramesh schaukelt wieder. »Also, Tim, ich denke, dass es so etwas gibt. Es gibt Menschen, die sich nicht entscheiden können. Und wenn das bei dir so ist, Tim, dann ist das dein Weg. Dann ist das so von Gott gewollt, oder vom Urknall, oder wie immer du die Quelle von allem Existierenden nennen willst. Weißt du, was ich an deiner Stelle tun würde, Tim?«

 Ramesh unterbricht wieder sein Schaukeln und richtet sich auf. Er macht eine Handbewegung, die mir bekannt vorkommt.

»Wenn ich mich nicht entscheiden könnte, Tim, würde ich eine Münze werfen. Denn niemand kann behaupten, dass Menschen, die es mit einer Münze tun, weniger
erfolgreich sind als Menschen, die sich auf traditionelle Weise entscheiden.« 

 



 

Im Raum explodiert das Lachen aus drei Dutzend Kehlen. Diesmal lache ich nicht halbherzig mit, auch nicht aus vollem Herzen. Ich lache überhaupt nicht. Ich starre Ramesh an und fasse es nicht. Er hat mit ein paar Sätzen so etwas wie ein Wunder vollbracht. Es hat dreimal klick gemacht. Dreimal schlossen sich Gedankenkarawanen zu einem Kreis.

Ich fange mal mit dem letzten an. Wenn irgendein Vogel zu mir sagt, dass Leute, die Münzen werfen, genauso erfolgreich sind wie jene, die sich rational, emotional und mit der Kraft ihres Willens entscheiden, dann hört sich das vielleicht witzig an - aber wenn das die Erfahrungen eines ehemaligen Bankdirektors sind, bekommt der Rat natürlich Gewicht. Mehr als jede Statistik. Auch die Logik stimmt. Die Tatsache, dass ich mich zwischen zwei Möglichkeiten nicht entscheiden kann, besagt, dass diese beiden
Möglichkeiten für mich gleichwertig sind. Dann ist es egal, welche Möglichkeit ich wähle, Hauptsache, ich wähle.

Nehmen wir an, zwei Frauen, eine blond, eine schwarzhaarig, beide bildschön, steinreich und rattenscharf, wollen mir ihre Liebe, ihren Körper und ihr Geld schenken, dann wäre es doch blöd, ich würde statt einer keine von ihnen nehmen, nur weil ich mich nicht für eine Haarfarbe entscheiden kann. Das kann man doch umfärben.

Soviel zu dem, was Ramesh über Münzen meinte, jetzt zu Wichtigerem, jetzt zu dem, was er vorher sagte und was mich gerade wirklich packt und diesen Morgen in Bombay zu dem entscheidenden Morgen meiner letzten zwei Jahre macht.

Was hat Ramesh in einem Satz mit drei verschieden Begriffen benannt? »Dann ist das so von GOTT gewollt, oder vom URKNALL, oder wie immer du die QUELLE von allem Existierenden nennen willst.«

Eine Menge Fragen der letzten zwei Jahre haben bei diesem Satz klick gemacht,

und mir wurde etwas zurückgebracht, das ich verloren hatte. Auch in Indien. Vor zwei Jahren kam mir in dem Heimatland der Spiritualität Gott abhanden. Einfach so. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was das soll. Die Gefühle, die Riten, die Märchen von einem allwissenden und alles durchdringenden Wesen, das uns schafft, beschützt und wieder zu sich nimmt. Das man anbeten kann, dem man vertrauen kann, das einen trägt, das vor allem Sinn gibt und das Leben erklärt so wie das Sterben. Wenn dieses Wesen plötzlich nicht mehr existiert, dann gibt es alles andere auch nicht mehr. Karma, Schicksal, DEINEN Weg. Dann ist alles Zufall, und Zufall ist nur ein anderes Wort für das Chaos nach dem Urknall. Und jetzt, »Ich versuche, das Leid zu akzeptieren. Und wenn ich feststelle, dass ich es nicht akzeptieren kann, akzeptiere ich das. Alles klar, Tim?«
 

Nein, nicht jetzt, sondern gerade eben, sagte dieser kleine, alte, mir höchst sympathische Ex-Banker, dass Urknall dasselbe sei wie Gott, und ich verstand sofort, wie er es meinte. Dass ich so bin, wie ich bin, habe ich meinen Eltern zu verdanken, die von ihren Eltern geprägt worden sind und die von ihren. Die Kette reicht elend weit zurück, nicht nur bis zu den Wurzeln unseres Stammbaums, nicht nur bis zum ersten Menschen, ersten Säugetier, ersten Einzeller, sie reicht auch weiter zurück als bis zum Geburtsjahr der Erde. Dass dieser Planet so ist, wie er ist, und da ist, wo er ist, an dieser Stelle der Milchstraße, an diesem Punkt des Universums, hat seine Ursache in einer Bewegung, die vor so langer Zeit begann, dass wir sie Ewigkeit nennen, obwohl es keine Ewigkeit ist, denn irgendwann muss sie angefangen haben.

Gott, Urknall oder wie immer du die Quelle allen Seins nennen willst, hatte Ramesh eben gesagt, und verstanden habe ich, dass in diesem Anfang alles programmiert ist. Beim Urknall knallen Trilliarden mal Trilliarden Teile und Teilchen auseinander, und jedes Teil und Teilchen hat seine Richtung, seine Entwicklung, seinen Weg, und wenn dann, nicht am Ende, aber doch reichlich später, jemand dabei herauskommt, der unfähig ist, sich zu entscheiden, bin ich doch der Letzte, der was dafür kann. Und da was machen kann. Und wenn ich doch was machen kann, dann nur, weil auch das vorprogrammiert ist (sozusagen als „Göttlicher Gedanke“). Devotional lässt mich diese Erkenntnis im Regen stehen: Diesen Gott kann ich nicht lieben, anbeten und besingen, ich kann ihm nicht mal danken. Aber er schenkt mir Frieden.

Schlagartig verlässt mich jede Art von schlechtem Gewissen, Minderwertigkeitsgefühl, Reue sowie die Angst, irgendetwas nicht zu schaffen, was ich eigentlich schaffen könnte und dann doch nicht hinkriege. Das gibt es nicht. Ich kann, was ich kann und tue, was ich tun muss, alles andere ist nicht in meiner Hand, ist nicht mein Programm
. So habe ich Ramesh eben verstanden, und so meint er es auch.

Er spricht gerade wieder darüber. Er sagt, das Schönste, was er in allen Religionen gefunden habe und was in allen Religionen gleich sei, ist folgender Satz, und weil Ramesh keine Zähne mehr hat, sehr undeutlich spricht und ich schwerhörig bin, verstehe ich

den Satz nicht und frage dreimal nach, und als ich ihn auch beim dritten Mal nicht verstehe, ruft irgendjemand, der hinter mir sitzt, so laut wie er kann:

»DEIN WILLE GESCHEHE!«

»Ja«,sagt Ramesh, »dein Wille geschehe. Und das ist es, was Tim vergessen hat. Und deshalb ist Tim unglücklich.«
 

Er wiederholt dies noch viele Male während der geschlagenen siebzig Minuten, die seine Antwort auf meine Frage währt, er kommt richtig in Fahrt, erzählt von seinem Leben. Bis Mitte Fünfzig etwa habe er versucht, das Glück zu mehren und das Leid zu

mindern, ab Mitte Fünfzig habe er es sein lassen. Weil es nicht geht. Nicht nur, weil Glück und Leid kommen, wie sie wollen, nein, selbst das Glück von heute wandelt sich in das Leid von morgen und umgekehrt. Nachdem er nun weitere dreißig Jahre darüber

nachgedacht und nachgedacht und nachgedacht habe, habe er den Trick gefunden, damit umzugehen. Und dieser Trick sei auch das einzige, was er anzubieten habe, seine Botschaft, sein System. Wie der Trick geht?

»Ich versuche, das Leid zu akzeptieren. Und wenn ich feststelle, dass ich es nicht akzeptieren kann, akzeptiere ich das. Alles klar, Tim?« 

Und wie. Ich kam mit einer Frage und gehe mit mindestens drei Antworten. Und egal, was ich an diesem Tag noch mache und sehe und sage, im Taxi, auf der Straße, im Hotel, ich höre dauernd diese drei Sätze in mir, wie ein Mantra, wie einen Ohr-, nein, wie einen Gehirn-, nein, wie einen Seelenwurm:
 

1.»Dein Wille geschehe!«

2. »Das ist es, was Tim vergessen hat.«

3. »Und deshalb ist Tim unglücklich.« 

Ich höre es nicht wie eine Endlosschleife in mir. Es gibt Pausen, es hat Rhythmen, und jedes Mal verstehe ich ein bisschen mehr, warum in meinem Leben so viel schiefgelaufen ist und schief laufen musste und dass es an diesem Morgen wieder zurechtgerückt wird, weil auch das sein muss, und jedes Mal entspanne ich ein bisschen mehr.

 

Selbst die Frage, wie es nun weitergeht, löse ich mit Gelassenheit. Ich sitze in einem winzigen Reisebüro einem jungen, höchst professionellen Inder gegenüber, der nicht glauben kann, dass ich die Entscheidung zwischen einem Zug- oder einem Flugticket nach  alkutta mit der Münze treffen will. Er scheint mir darüber sogar verärgert zu sein. Wie bescheuert seid ihr verfickten Europäer eigentlich, so etwas steht in seinen Augen geschrieben, während die Rupie in die Luft fliegt, sich dort mehrmals dreht und auf meinem Handrücken landet. Ich weiß nicht wirklich warum, ist es die Begeisterung für mein neues Werkzeug, meine neue Waffe im Kampf des Lebens und des Reisens, die mich fahrlässig werden lässt, oder irritiert mich einfach nur die Hassfresse mir gegenüber? Jedenfalls habe ich vergessen, wofür Kopf und Zahl eigentlich stehen sollen.

Ich sehe auf Kopf, auf Gandhi, aber weiß nicht mehr, ob das mit dem Zug nach Kalkutta oder mit dem Flugzeug nach Kalkutta bedeutet. Um den Inder nicht völlig ausrasten zu lassen, werfe ich die Münze nicht ein zweites Mal, sondern nehme den nächsten Flieger nach

Bangkok.

 

 

  

 

BUCHTIPP:

Helge Timmerberg
“In 80 Tagen um die Welt“
Berlin, Rowohlt Berlin Verlag 2008
288 Seiten, Pries 19,90 €

www.rowohlt.de

 

 

AUTOREN-INTERVIE:

"FREIHEIT ist MEIN LEBEN“
 

Er reiste nicht nur einmal um die Welt – und seine Touren dauern oft länger als 80 Tage:
Reiseschriftsteller Helge Timmerberg über seine Gründe für das Unterwegssein, Freiheit und Ungebundensein
 und die plötzlichen Erkenntnisse, die man in der Ferne finden kann.


AUSCHNITT aus diesem INTERVIEW: 

Frage: "Über Sie wurde einmal gesagt, Sie seien der freieste Autor Deuschlands ?

Antwort von Helge Timmerberg:


"Freiheit ist mein Lebensthema, klar, aber nach Jahrzehnten der Befreiung komme ich drauf, dass es überhaupt keine gibt.
Es gibt die Freiheit von A, aber dann hast du noch mit B zu tun. Okay, ich kann sagen, ich habe keinen Boss, keine Existenzängste
 und kann machen, was ich will.  Donn dann ist da noch immer ein Problem – nämlich dass „ICH WILL“.
Und dieses „ICH WILL“ zieht sich durch mein ganzes Leben, davon bin ich überhaupt  n i c h t  frei.

Es gibt die Aussage, dass es nicht um die Freiheit  d e s  Ego geht, sondern um die FREIHEIT  V O M  EGO.  
Von diesem Geflecht aus Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen und Resignation.


Vor ein paar Tagen lag ich in einem Hotelzimmer und habe mir das alles genau angesehen, als mir bewusst wurde,
dass es dem Mann im Nachbarzimmer wahrscheinlich genauso geht, nur mit einem anderen Namen und anderen Details.
Und im übernächsten Zimmer das Gleiche, im Nachbarhaus, in der ganzen Stadt, auf der ganzen Erde.
 Sechs Milliarden und jeder Einzelne erlebt diese SPANNUNG ZWISCHEN DEM ICH und DER WELT !
Ein wahnsinniger Zustand, auf eine bestimmte Art."



ZUR PERSON:

Helge Timmerberg, geboren 1952 im hessischen Dorfitter, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien
und entschloss sich im Himalaja, Journalist zu werden.
 Seitdem schreibt er Reise- und Abenteuerreportagen aus allen Teilen der Welt,
 unter anderem für „Tempo“, „Stern“, „Die Zeit“, „Merian“,  „SZ Magazin“ uvm….
Nur Crewmitglieder der großen Fluglinien, so heißt es, seien mehr unterwegs als er.



WEITERE BÜCHER
 „Tiger fressen keine Yogis“, Stories von unterwegs, „Shiva Moon“, „Eine Reise durch Indien“
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