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BUCH PREMIERE
Mit Ganesh und Guru per du
In 80 Tagen um die Welt:
Jules
Verne ließ seinen Helden Phileas Fogg mit dem Zug von Bombay nach
Kalkutta reisen, und der hat während dieser Fahrt die Frau seines Lebens
getroffen, gerettet und mitgenommen. Die Frau des Lebens ist keine
schlechte Vision, aber dafür zweiunddreißig Stunden mit dem indischen
Zug? Heutzutage kann man auch Stewardessen heiraten. Stewardessen sind
überhaupt die besten. Sie sehen gut aus, sind selten zu Hause, und wenn
man selber mal fliegen will, kosten die Tickets nur noch zehn Prozent
dessen, was man vor der 72 Heirat bezahlt hat, weil ihre Vergünstigungen
auch für den Ehemann gelten. Stewardessen verleihen Flügel, Stewardessen
sind gut im Bett, Stewardessen bleiben immer nur eine Nacht.
Ich bin nach Goa und wieder zurück mit
»Kingfisher« geflogen, der Airline von diesem Lebemann. »Fly the Good
Times« ist ihr Slogan, und Dr. Vijay Mallya meint das offensichtlich
ernst. Seine Stewardessen sind die schärfsten und modernsten, die man in
der indischen Passagierluftfahrt finden kann.
»Fly the Good Times« fliegt auch nach
Kalkutta, und das ist der Stand am Mittag. Aber auf dem Weg zum
Reisebüro bin ich mir schon nicht mehr sicher. Vielleicht verpasse ich
ja was in Indien, wenn ich einfach so drüberfliege? Vielleicht verpasse
ich Indien?
Unsinn. Ich bin so oft hier gewesen, dass
sich Indien glücklich schätzen kann, wenn es mich verpasst. Trotzdem
nehme ich, statt ins Reisebüro zu gehen, ein Taxi zum größten
Ganesha-Tempel der Stadt. Ganesha ist überall in Indien extrem beliebt,
aber in Bombay ist der Gott der Diebe, Dichter und Händler der Gott
Nummer eins und offizieller Schutzpatron. Dass er einen Rüssel hat,
stört keinen, sie sind bisher blendend mit ihm gefahren. Als Gott der
Händler hat er Bombay zum wirtschaftlichen Zentrum Indiens gedeihen
lassen, davon profitieren auch die ihm zum Schutz befohlenen Diebe, und
den Dichtern schenkte er Bollywood.
Der Haupt-Ganesha-Tempel Bombays ist
deshalb in etwa so groß wie der Hauptbahnhof. In Hunderten von lokalen
Untertempeln Tausenden von Nachbarschaftsschreinen und Millionen von
Hausaltaren sitzt der Elefantenköpfige in allen Größen, bis runter zur
Barbiepuppe, aber hier wohnt der ganze Gott, hier ist Ganeshas
Hauptwohnsitz und somit die Höhle des Glücks. Ich bin nicht der Einzige,
der zu ihm will. Sind es fünfhundert, sind es tausend, ich kann es
schlecht schätzen, ich weiß nicht, wieviele Gläubige sich in Schlangen
auf den Eingang des Tempels zubewegen, und ich will auch gar nicht
wissen, wie viele Diebe darunter sind. Falls Mathematik in der
spirituellen Welt noch etwas zählt, lassen die drei Ämter des Gottes
darauf schließen, dass es ziemlich genau ein Drittel ist.
Bei uns ist Bauch
Schande, hier das Gegenteil.
Die Schlangen müssen durch
Sicherheitsschleusen, wie am Flughafen. Ist das ein Zeichen? Pro
Fliegen? Im Inneren des Tempels werden die Diebe, Dichter und Händler
wieder zu Schlangen formiert und in immer enger werdenden Kreisen so
lange um den Gott herumgeführt, bis sie seine Füße küssen, Geschenke
ablegen und eine Blüte aus Priesterhand mit nach Hause nehmen können.
Ich ziehe es vor, ein Stockwerk höher zu sitzen, mir reicht der
Blickkontakt. Ganesha sieht gut aus. Kaum zu glauben bei dem Kopf. Auch
der Bauch ist eines Elefanten würdig. Bei uns ist Bauch Schande,hier das
Gegenteil. In Indien bedeutet Bauch Wohlstand, Reichtum, Sattsein. Auch
satt an Erkenntnis. Der schlankeJesus hätte es in Asien schwer gehabt.
Buddha ist dick, Ganesha ist dick, und wie bei Buddha sieht Ganeshas
Bauch wie eine Weltkugel aus. Und seine Augen? Die eines Freundes, eines
Bruders. Ich schließe meine und formuliere die Frage: »Kann ich nach
hundertmal Indien noch was verpassen? Ich war im Himalaja, ich war in
Goa, ich wusch im Ganges ein paar Sünden ab, ich schlief in den Palästen
der Maharadschas, ich traf im Dschungel Tiger. Ich kenne Indiens
Heilige, ich kenne Indiens Huren, ich kenne Indiens Lieder. Und die
Frage ist: Muss ich das wirklich noch mal haben?«
Ganesha antwortet wie aus der Pistole
geschossen: »Warum gehst du dieses Mal nicht richtig rein?!« Ich weiß
sofort, was er meint. Abgesehen davon frage ich mich, ob eigentlich alle
Götter mit mir sprechen oder ob es immer derselbe ist. Oder ob ich
Selbstgespräche führe.
Am Abend esse ich im »Leopold«. Das
Restaurant ist ein Klassiker. Seit über hundert Jahren ist es der
Treffpunkt für Ost und West in der Stadt. Es liegt fünf Minuten vom
Gateway of India entfernt und acht Minuten von meinem Hotel und allen
anderen Hotels des Stadtviertels Colaba. Deshalb ist das »Leopold« jeden
Abend zu voll, um alleinkommenden Gästen einen eigenen Tisch zu geben.
Sie werden mit anderen Einzelessern zusammengesetzt. Das kann gutgehen,
das kann schiefgehen, aber anders läuft es hier nun mal nicht, und
wirklich schief geht's selten, weil das Essen in Ordnung und die
Atmosphäre vortrefflich ist. Wenn Reisende aus aller Herren Länder und
allen indischen Bundesstaaten mit in Bombay lebenden Ausländern und in
Bombay lebenden Indern in einem Raum zusammensitzen, hat jeder etwas zu
erzählen, und jeder interessiert sich für etwas. Das erzeugt in der
Summe einen Vielklang von Stimmen, der besser ist als jede
Hintergrundmusik. Durch die offenen Fenster und die große Eingangstür
blinken die bunten Straßenlichter. Die Nacht ist heiß, das Bier ist
kühl, die Kellner sind professionell, also lässig und schnell.
Sie haben mich zu einem Inder gesetzt, der
aus der Umgebung von Kalkutta kommt. Er hat Farmen. Er macht in
Biosprit. Er ist Anfang vierzig, seriös gekleidet und umfassend
informiert. Ob er auch der Meinung ist, dass Indien demnächst zu den
ganz großen Playern gehören wird, vielleicht sogar als Champ? Nein, der
Meinung ist er nicht. Warum nicht? Er bittet mich um meinen Notizblock
und zeichnet die Umrisse des Subkontinents hinein, gibt ein paar Städte
dazu und zieht in der Mitte einen Kreis, einen großen Kreis, gemessen an
dem, was drumherum auf der Landkarte übrigbleibt. In den Kreis schreibt
er »Area of darkness«. Keiner hat was, keiner macht was, keine
Infrastruktur, um was zu machen. Und praktisch gesetzlos. »Wenn Indien
ein Wirtschaftsgigant wird, dann einer mit schwachem Herzen. Und solchen
Giganten geht schnell die Luft aus.« Mein Gegenüber hat gesprochen.
Jetzt bin ich dran. Er will wissen, woher ich komme, wohin ich gehe und
wie viel Zeit mir in Bombay bleibt. Ich frage ihn, ob er Jules Verne
kennt. Nein, nie gehört. Aber vielleicht hat er den Film »In 80 Tagen um
die Welt« gesehen? Ja, hat er, und nun ist er im Bilde. »Ich mache
dasselbe. Fast dasselbe. Jules Verne hat seinen Helden Phileas Fogg von
Bombay nach Kalkutta mit dem Zug reisen lassen, aber ich würde
eigentlich lieber fliegen. Das ist der einzige Unterschied.«
Der Inder lächelt. »Handelt es sich bei der
Vorlage um einen Tatsachenbericht oder um einen Roman?«
»Dann würde ich Ihnen raten, dasselbe zu
machen. Erfinden Sie die Zugfahrt, aber fliegen Sie. Mit indischen Zügen
sollte man im wirklichen Leben keine Distanzen überbrücken, auf denen
man seinen Stuhlgang nicht zurückhalten kann.«
Auch hier weiß ich sofort, was er meint.
Beide, Ganesha und der Geschäftsmann aus Kalkutta, haben recht, und den
Gedanken, dass der Geschäftsmann sogar noch ein bisschen mehr recht hat,
weil Ganesha als Gott noch niemals auf einer Toilette gewesen ist,
verwerfe ich als unernst. Nein, der Tag endet, was die Details meiner
Weiterreise angeht, im Patt.
Es ist Wochenende. Reisebüros und
Zugschalter haben geschlossen. Ich habe noch ein wenig Zeit, die
Entscheidung zu treffen, und lasse die Zutaten des Für und Wider kochen.
Das ist nicht ungefährlich für mich. Jeder hat seine Achillesferse,
seinen unsicheren Dominostein, seine erste Stufe auf der Treppe zur
Unterwelt. Was sind Entscheidungen? Wofür sind sie da? Sie
sorgen dafür, dass es weitergeht. Dass der Fluss fließt. Wer anhält,
wird zum stehenden Gewässer. Das stinkt irgendwann. Jedenfalls will
es mir so scheinen, dass mein Tischnachbar, den ich am nächsten Abend im
»Leopold« zugeteilt bekommen habe, mich nicht riechen kann, und für mich
ist er der mit Abstand langweiligste Mensch, den ich bisher auf dieser
Reise getroffen habe. Ich kann ihm fast nicht ins Gesicht sehen, weil
ich fürchte, dass mir nie mehr was einfällt, wenn ich es tue. Also
schaue ich nach rechts und nach links, zur Decke und zu Boden und, als
das Essen da ist, auf den Teller, aber manchmal muss ich ihn doch
ansehen, weil Wegsehen anstrengend und auch ein bisschen unhöflich ist.
Es kann ja niemand was dafür. Wie es in der Liebe für jeden auf der Welt
einen Menschen gibt, der besser zu ihm passt als jeder andere, so gibt
es auch für das fruchtbare Gespräch einen, mit dem das am allerbesten
geht, sowie dessen Gegenteil. Ich habe den für mich langweiligsten
Menschen der Welt am Tisch, und er hasst Raucher. Solche Menschen fragt
man nicht um Rat, es sei denn, man schwört sich, auf jeden Fall das
Gegenteil von dem zu tun, was sie raten. Aber besser ist, man fragt gar
nicht, isst und geht. Patt also auch am Ende des zweiten Tages.
Gu heißt Dunkelheit, Ru
heißt Licht, und wenn
Der Guru sitzt in seinem Schaukelstuhl und
schaukelt. Er macht das energisch, er gibt richtig Gas. Er ist
sechsundachtzig, klein, dünn und zahnlos. Der eingefallene Mund mildert
die Strenge seiines Cäsarengesichts. Seine schütteren weißen Haare
passen gut zu seiner weißen Baumwollhose und dem überlangen, weißen
indischen Hemd. Er schaukelt barfuß. Morgenlicht fällt in den Raum, der
angenehm temperiert ist. Durch die offenen Fenster kommt der Wind herein
und zirkuliert. Ein frischer, sauberer Wind vom Meer. Man kann es von
hier sehen, wenn man am richtigen Fenster steht. Acht Stockwerke unter
uns hupen die Straßen von Bombay. Etwa dreißig Leute sind heute beim
Guru. Die wenigsten von ihnen sind Inder. ae sitzen auf Stühlen, auf dem
Boden, an der Wand. Wer eine Frage hat, setzt sich direkt vor ihn und
bekommt ein Mikrofon angesteckt, wie beim Fernsehen. Der Guru trägt auch
eins am Hemd. Eine Videokamera läuft. Die CD kann man mitnehmen.
»Wie heißt du?« fragt Ramesh.
»Aha, Tim. Und du kommst aus ... ?«
»Aha, Tim aus Deutschland. Und was kann ich
für dich tun, Tim?«
»Ich schreibe Reisebücher.«
»Ich verstehe.«
»Und jetzt bin ich gerade auf einer
Weltreise.«
»Ich verstehe.«
Ramesh unterbricht abrupt sein Schaukeln
und richtet sich ein wenig auf.
»Und warum, Tim, glaubst du, dass ich dir
darauf eine Antwort geben kann? Bin ich ein Reisebüro?«
»Nein, Ramesh, es geht im Grunde nicht
um Zug oder Flugzeug, es geht nicht darum, wofür ich mich nicht
entscheiden kann. Es geht um das Nichtentscheiden-können an sich, als
psychologische Fehlfunktion oder als schwacher Charakterzug oder als
Geburtsfehler, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nie
entscheiden kann. In der Liebe, im Beruf, in allem eigentlich, und das
bringt extrem viele Probleme mit sich. Es ist ein Fluch in meinem
Leben.«
»Ich verstehe.« Ramesh schaukelt wieder.
»Also, Tim, ich denke, dass es so etwas gibt. Es gibt Menschen, die sich
nicht entscheiden können. Und wenn das bei dir so ist, Tim, dann ist das
dein Weg. Dann ist das so von Gott gewollt, oder vom Urknall, oder wie
immer du die Quelle von allem Existierenden nennen willst. Weißt du, was
ich an deiner Stelle tun würde, Tim?«
Im Raum explodiert das Lachen aus drei
Dutzend Kehlen. Diesmal lache ich nicht halbherzig mit, auch nicht aus
vollem Herzen. Ich lache überhaupt nicht. Ich starre Ramesh an und fasse
es nicht. Er hat mit ein paar Sätzen so etwas wie ein Wunder vollbracht.
Es hat dreimal klick gemacht. Dreimal schlossen sich Gedankenkarawanen
zu einem Kreis.
Soviel zu dem, was Ramesh über Münzen
meinte, jetzt zu Wichtigerem, jetzt zu dem, was er vorher sagte und was
mich gerade wirklich packt und diesen Morgen in Bombay zu dem
entscheidenden Morgen meiner letzten zwei Jahre macht.
und mir wurde etwas zurückgebracht, das ich
verloren hatte. Auch in
Indien. Vor zwei Jahren kam mir in dem Heimatland der Spiritualität Gott
abhanden. Einfach so. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was das soll. Die
Gefühle, die Riten, die Märchen von einem allwissenden und alles
durchdringenden Wesen, das uns schafft, beschützt und wieder zu sich
nimmt. Das man anbeten kann, dem man vertrauen kann, das einen trägt,
das vor allem Sinn gibt und das Leben erklärt so wie das Sterben. Wenn
dieses Wesen plötzlich nicht mehr existiert, dann gibt es alles andere
auch nicht mehr. Karma, Schicksal, DEINEN Weg. Dann ist alles Zufall,
und Zufall ist nur ein anderes Wort für das Chaos nach dem Urknall.
Und jetzt,
»Ich versuche, das Leid zu akzeptieren. Und
wenn ich feststelle, dass ich es nicht akzeptieren kann, akzeptiere ich
das. Alles klar, Tim?«
Nein, nicht jetzt, sondern gerade eben,
sagte dieser kleine, alte, mir höchst sympathische Ex-Banker, dass
Urknall dasselbe sei wie Gott, und ich verstand sofort, wie er es
meinte. Dass ich so bin, wie ich bin, habe ich meinen Eltern zu
verdanken, die von ihren Eltern geprägt worden sind und die von ihren.
Die Kette reicht elend weit zurück, nicht nur bis zu den Wurzeln unseres
Stammbaums, nicht nur bis zum ersten Menschen, ersten Säugetier, ersten
Einzeller, sie reicht auch weiter zurück als bis zum Geburtsjahr der
Erde. Dass dieser Planet so ist, wie er ist, und da ist, wo er ist, an
dieser Stelle der Milchstraße, an diesem Punkt des Universums, hat seine
Ursache in einer Bewegung, die vor so langer Zeit begann, dass wir sie
Ewigkeit nennen, obwohl es keine Ewigkeit ist, denn irgendwann muss sie
angefangen haben.
Gott, Urknall oder wie immer du die Quelle
allen Seins nennen willst, hatte Ramesh eben gesagt, und verstanden habe
ich, dass in diesem Anfang alles programmiert ist. Beim Urknall knallen
Trilliarden mal Trilliarden Teile und Teilchen auseinander, und jedes
Teil und Teilchen hat seine Richtung, seine Entwicklung, seinen Weg, und
wenn dann, nicht am Ende, aber doch reichlich später, jemand dabei
herauskommt, der unfähig ist, sich zu entscheiden, bin ich doch der
Letzte, der was dafür kann. Und da was machen kann. Und wenn ich doch
was machen kann, dann nur, weil auch das vorprogrammiert ist (sozusagen
als „Göttlicher Gedanke“). Devotional lässt mich diese Erkenntnis im
Regen stehen: Diesen Gott kann ich nicht lieben, anbeten und besingen,
ich kann ihm nicht mal danken. Aber er schenkt mir Frieden.
Er spricht gerade wieder darüber. Er sagt,
das Schönste, was er in allen Religionen gefunden habe und was in allen
Religionen gleich sei, ist folgender Satz, und weil Ramesh keine Zähne
mehr hat, sehr undeutlich spricht und ich schwerhörig bin, verstehe ich
den Satz nicht und frage dreimal nach, und
als ich ihn auch beim dritten Mal nicht verstehe, ruft irgendjemand, der
hinter mir sitzt, so laut wie er kann:
»DEIN WILLE GESCHEHE!«
»Ja«,sagt Ramesh, »dein Wille geschehe. Und
das ist es, was Tim vergessen hat. Und deshalb ist Tim unglücklich.«
Er wiederholt dies noch viele Male während
der geschlagenen siebzig Minuten, die seine Antwort auf meine Frage
währt, er kommt richtig in Fahrt, erzählt von seinem Leben. Bis Mitte
Fünfzig etwa habe er versucht, das Glück zu mehren und das Leid zu
mindern, ab Mitte Fünfzig habe er es sein
lassen. Weil es nicht geht. Nicht nur, weil Glück und Leid kommen, wie
sie wollen, nein, selbst das Glück von heute wandelt sich in das Leid
von morgen und umgekehrt. Nachdem er nun weitere dreißig Jahre darüber
nachgedacht und nachgedacht und nachgedacht
habe, habe er den Trick gefunden, damit umzugehen. Und dieser Trick sei
auch das einzige, was er anzubieten habe, seine Botschaft, sein System.
Wie der Trick geht?
»Ich versuche, das Leid zu akzeptieren. Und
wenn ich feststelle, dass ich es nicht akzeptieren kann, akzeptiere ich
das. Alles klar, Tim?«
Und wie.
Ich kam mit einer Frage und gehe mit mindestens drei Antworten. Und
egal, was ich an diesem Tag noch mache und sehe und sage, im Taxi, auf
der Straße, im Hotel, ich höre dauernd diese drei Sätze in mir, wie
ein Mantra, wie einen Ohr-, nein, wie einen Gehirn-, nein, wie einen
Seelenwurm:
1.»Dein Wille geschehe!«
2. »Das ist es, was Tim vergessen hat.«
3. »Und deshalb ist Tim unglücklich.«
Ich höre es nicht wie eine Endlosschleife
in mir. Es gibt Pausen, es hat Rhythmen, und jedes Mal verstehe ich ein
bisschen mehr, warum in meinem Leben so viel schiefgelaufen ist und
schief laufen musste und dass es an diesem Morgen wieder
zurechtgerückt wird, weil
auch das sein muss, und jedes Mal entspanne ich ein bisschen mehr.
Selbst die Frage, wie es nun weitergeht,
löse ich mit Gelassenheit. Ich sitze in einem winzigen Reisebüro einem
jungen, höchst professionellen Inder gegenüber, der nicht glauben kann,
dass ich die Entscheidung zwischen einem Zug- oder einem Flugticket nach
alkutta mit der Münze treffen will. Er scheint mir darüber sogar
verärgert zu sein. Wie bescheuert seid ihr verfickten Europäer
eigentlich, so etwas steht in seinen Augen geschrieben, während die
Rupie in die Luft fliegt, sich dort mehrmals dreht und auf meinem
Handrücken landet. Ich weiß nicht wirklich warum, ist es die
Begeisterung für mein neues Werkzeug, meine neue Waffe im Kampf des
Lebens und des Reisens, die mich fahrlässig werden lässt, oder irritiert
mich einfach nur die Hassfresse mir gegenüber? Jedenfalls habe ich
vergessen, wofür Kopf und Zahl eigentlich stehen sollen.
BUCHTIPP:
AUTOREN-INTERVIE:
Er
reiste nicht nur einmal um die Welt – und seine Touren dauern oft länger
als 80 Tage:
Frage: "Über Sie wurde einmal gesagt, Sie seien der freieste Autor
Deuschlands ?
Es gibt
die Aussage, dass es nicht um die Freiheit d e s Ego geht, sondern um
die FREIHEIT V O M EGO.
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